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COVID-19

Wer wird behandelt?

Die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaft (SAMW) hat gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin neue medizinische Richtlinien veröffentlicht, in denen eindeutig definiert wird, welche Patienten bei begrenzten beziehungsweise erschöpften Kapazitäten auf den Intensivstationen in Zeiten der Corona-Pandemie noch einen Platz erhalten. Diese Empfehlungen, welche „Anwendung auf alle Patientenkategorien“ fänden, könnten je nach Verlauf der Pandemie bald zur Anwendung kommen.

„COVID-19-Erkrankte und andere Patienten, die intensive Pflege benötigen, werden nach den denselben Kriterien behandelt.“

Denn auch während der Pandemie erleiden Personen Herzinfarkte, schwere Unfälle, schwere Verbrennungen, Schlaganfälle, Blutvergiftungen und so weiter. Bei ausgeschöpfter Bettenkapazität (Stufe B) gälten beispielsweise folgende Richtlinien:

  • Unabhängig des Patientenalters, der Ursache oder der Prognose sollten bei Herz-Kreislauf-Stillständen keine Wiederbelebungsmassnahmen mehr ergriffen werden – ein Todesurteil.
  • Patienten nach einem schweren Unfall (Arbeitsunfall, Verkehrsunfall etc.) mit schlechter Prognose würden nicht mehr auf die Intensivstation aufgenommen – ein Todesurteil.
  • Opfer von grossflächigen Verbrennungen und gleichzeitigem Inhalationstrauma, wie es beispielswiese bei Hausbränden oder Arbeitsunfällen (Brand, Verätzungen) vorkommen kann, würden nicht mehr intensivmedizinisch behandelt – ein Todesurteil.
  • Intensivmedizinische Behandlungen könnten abgebrochen werden, wenn ein neuer Patient mit besserer Prognose, das heisst grösserer kurzfristiger Überlebenschance, eintrifft.

Konkret könnten bei ausgeschöpfter Bettenkapazität (Stufe B) die Richtlichten theoretisch folgendermassen angewendet werden:

  • Einen 45-jährigen Patienten, der einen schweren Herzinfarkt erleidet und in den ersten 48 Stunden einen Herz-Kreislauf-Stillstand entwickelt (mögliche frühe Komplikation), sollte nicht mehr wiederbelebt werden.
  • Eine 25-jährige, nach einem schweren Verkehrsunfall lebensbedrohlich verletzte Patientin mit schlechter Prognose sollte nicht mehr auf die Intensivstation aufgenommen werden.
  • Eine 80-jährige Patientin, die eine Blutvergiftung erleidet und keine Nebenerkrankungen gemäss Kriterienkatalog aufweist, dürfte auf die Intensivstation aufgenommen werden, wenn die kurzfristige Überlebenschance besser ist als die anderer Patienten.

Zum jetzigen Zeitpunkt würden alle Patienten aufgenommen und maximal medizinisch versorgt. Die Richtlinien besagen explizit, dass das Alter per se nur dann ein legitimes Kriterium ist, wenn die weitere Lebenserwartung beschränkt oder die Prognose durch das fortgeschrittene Alter relevant schlechter ist. Auch junge Patienten könnten also aufgegeben werden, wenn deren kurzfristige Überlebenswahrscheinlichkeit schlechter ist. Das bestätigt Prof. Daniel Scheidegger, leitender Autor und Präsident der SAMW, in einem Interview mit SRF.

Letztendlich bliebe die Verantwortung und damit auch der Entscheidungsdruck im Einzelfall aber beim behandelnden Team, namentlich bei der „ranghöchsten Person vor Ort“. Nichtsdestotrotz geben uns die Richtlinien Hinweise darauf, wie desaströs die Situation im Gesundheitssystem werden könnte, falls uns die Pandemie überrollt. Auch Patienten, die nicht an COVID-19 erkrankt sind, wären dann plötzlich mitbetroffen. Die Folgen der Pandemie betreffen uns deshalb alle, ob jung oder alt, ob gesund oder krank. Die Ausbreitung der Pandemie muss in Grenzen gehalten werden. Solidarität ist gefragt!

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Schweiz und Italien

Wie schlimm wird es uns treffen?

Aktuell sind zu dieser Frage nur Mutmassungen möglich. Italien ist als südliches Nachbarland Ursprung der ersten Übertragungswelle auf das Tessin, weshalb wir die dortige Situation und deren Handhabung interessiert mitverfolgten.

  • Wir befinden uns aktuell auf einem ähnlich steilen Anstieg von Fallzahlen wie Italien (Verdoppelung etwa alle 2 – 3 Tage).
  • Im Vergleich zu Italien hatten wir stets eine höhere Fallzahl im Verhältnis zur Einwohnerzahl, zum Beispiel 10 Fälle pro 10’000 Einwohner: CH bereits nach 14 Tagen, IT erst nach 19 Tagen.
  • Während in Italien mit Tests erst begonnen wurde, als die ersten Todesfälle auftraten, haben wir schon viel früher getestet. Auch dadurch hat COVID-19 in Italien momentan wohl eine unterschätzte Fallzahl und eine hohe Todesfallrate im internationalen Vergleich (anfangs viele unentdeckte Erkrankungsfälle). Wir hingegen konnten die Erkrankten früher erkennen und isolieren.
  • In der Schweiz wurde 6 Tage früher als in Italien rigorose Massnahmen zur Verzögerung der Ausbreitung des neuen Coronavirus ergriffen. In Italien hingegen waren die Massnahmen beim Ergreifen drastischer als in der Schweiz. Welche Taktik nun wie effektiv wirken wird, können wir noch nicht abschätzen. Wir haben aber den Vorteil, dass in Italien alles etwas früher passiert als bei uns und können daraus lernen.
  • Gerade Bergamo in der Lombardei, einem Teil des Wirtschaftsmotor Italiens, hat es schwer getroffen. Auch das dortige Hauptspital, das mit 900 Betten hochspezialisierte Spitzenmedizin bietet, wurde von der Welle wortwörtlich überfahren. Die Voraussetzungen sind im Vergleich also gar nicht so unterschiedlich.
  • Nur wenig Voraus ist/war die Schweiz auch hinsichtlich der Bettenkapazitäten auf Intensivstationen (IPS). Zumindest zu Beginn der Pandemie waren folgende Kapazitäten vorhanden:
    • Italien: 80 IPS-Betten/Million Einwohner
    • Schweiz: 120 IPS-Betten/Million Einwohner
  • beispielsweise im Vergleich zu:
    • Deutschland: 350 IPS-Betten/Million Einwohner

Dies ist insbesondere im Wissen um die höhere Fallzahl im Verhältnis zur Einwohnerzahl unbequem. Dass es bei uns sehr knapp werden könnte, bestätigt auch Patrick Mathys, Leiter Krisenbewältigung im Bundesamt für Gesundheit:

„Wir wissen nicht, ob das am Ende reichen wird.“

Quelle: SRF

Es ist möglich, dass wir mit ähnlicher Härte getroffen werden wie Italien. Es ist aber auch denkbar, die Situation hierzulande besser kontrollieren zu können – dank

  • der frühen Testeinführung
  • früher getroffenen Massnahmen
  • der Möglichkeit, aus der italienischen Situation zu antizipieren

Wir erhoffen uns sehr, die Ausbreitung früher abzufangen und dadurch eine weniger schlimme Situation zu erfahren. Dafür müssen alle mithelfen!

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Notfallbetrieb

Aus dem persönlichen Umfeld haben mich diverse Anfragen erreicht, wie es denn im Spital aussehe, wo ich arbeite. Wir haben seit 3 Tagen auf Notfallbetrieb umgestellt. Konkret bedeutet das:

  • Der Operationsbetrieb wurde von vier OP-Sälen auf einen Notfallsaal reduziert. Planmässige Operationen wurden abgesagt. Es werden nur noch notfallmässige und dringliche Operationen durchgeführt.
    • Ein Leistenbruch oder Nabelbruch zum Beispiel wird also nur noch dann operiert, wenn er einklemmt und damit eine Notfallsituation besteht.
  • Der Sprechstundenbetrieb wurde auf dringliche Termine reduziert. Planmässige Sprechstundentermine wurden abgesagt. Um die Dringlichkeit abzuschätzen, werden Patienten telefonisch kontaktiert.

Vor dem Spital ist eine Triagestation eingerichtet worden, wo sämtliche auswärtigen Personen nach etwaigen Atemwegsbeschwerden triagiert werden, bevor sie das Spital betreten, auch wenn sie nicht aus diesem Grund das Spital aufsuchen. Für Verdachtsfälle ist eine ausgelagerte, zweite Notfallstation (Coronastation) eingerichtet worden, wo die Personen gegebenenfalls getestet werden und die weitere Behandlung festgelegt wird.

Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel gehen zu Neige.

  • Gesichtsmasken müssen neu immer und überall getragen werden. Pro Tag dürfen wir aber nur eine Gesichtsmaske beziehen, statt Masken wie üblich mindestens alle 2 Stunden zu wechseln. Die verwendeten Masken werden dann mittels Gassterilisation wieder aufbereitet. Da unser Infektionsspezialist mit dem schlimmsten rechnet, hat er Stoffmasken bestellt – ob der Schutz ebenso effektiv ist, wissen wir nicht. Auch im OP gehen die chirurgischen Masken zu Neige. Nach „sauberen“ Operationen sollen wir Masken und OP-Kleidung wiederverwenden. Nach „schmutzigen“ Operationen werden die Masken sterilisiert und wiederverwendet.
  • Desinfektionsmittel wird insofern rationiert, dass jeder Spender überdacht und gerechtfertigt werden muss. Spender, welche sich nicht im Sichtbereich von Mitarbeitern befinden, werden entfernt, da Desinfektionsmittel vermehrt entwendet wurde. Leere Behälter werden eingeschickt, um von der Spitalapotheke wiederbefüllt zu werden (normalerweise werden sie durch neue, vom Hersteller bezogene Behälter ersetzt).
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Alle Altersgruppen betroffen

In einer Fortbildung berichtet ein Infektionsspezialist, Chefarzt in einem Schweizer Universitätsspital, über Fälle von COVID-19 auf ihrer Intensivstation.

  • Zwei der beatmeten Patienten sind nur 40 und 47 Jahre alt und waren sonst gesund, gehörten also nicht zu Risikogruppen.
  • Aufgrund eines schweren akuten Lungenversagens seien beide kurz davor, dass auch die künstliche maschinelle Beatmung nicht mehr ausreicht, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen.
  • Die Anreicherung des Blutes mit Sauerstoff muss dann von einer weiteren Maschine übernommen werden. Die Prognosen werden dadurch noch schlechter.

Im Tagesanzeiger finde ich eine Grafik, die aufzeigt, dass sich die Fallzahlen alle drei Tage verdoppeln. Die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verläuft in der Schweiz bisher sehr ähnlich wie in Italien – eine Abflachung der Kurve ist trotz der Massnahmen nicht zu erkennen. Einziger Lichtblick: Wir sind Italien hinsichtlich der Einführung rigoroser Massnahmen 6 Tage voraus, wobei Italien dabei drastischere Massnahmen ergriff (Ausgangssperre, Grenzschliessungen).

Der Bund reagiert am 20.03.2020 mit folgender Massnahme:

„Treffen von mehr als 5 Personen sind in der Öffentlichkeit verboten. Damit sind öffentliche Plätze, Spazierwege oder Parkanlagen gemeint. Treffen sich weniger als fünf Personen, müssen sie eine Distanz von mehr als zwei Metern einhalten. Wer sich nicht daran hält, wird mit einer Busse bestraft.“

Quelle: Bundesamt für Gesundheit
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Medizinische Informationen zur Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie ist in der Schweiz angekommen und für alle spürbar. Die durch Bund und Medien vermittelten medizinischen Informationen sind zwar gut, aber unseres Erachtens oft schwierig einzuordnen und unzureichend zusammengefasst. So sickern die entscheidenden Zusammenhänge nur tröpfchenweise durch. Verunsicherung breitet sich aus und führte schon zu Hamsterkäufen. Die ergriffenen Massnahmen sind nicht für alle nachvollziehbar.

Wir möchten die wesentlichen Informationen und den aktuellen Wissensstand zum neuen Coronavirus verständlich auf den Punkt bringen und damit einen Beitrag zur aktuellen Pandemie leisten. Zudem berichten wir aktuell aus dem Spitalalltag und den Problemen, mit denen Gesundheitsfachpersonen konfrontiert sind. Durch das Fördern des Verständnisses der Erkrankung und der Massnahmen erhoffen wir uns eine konsequentere Umsetzung der Verhaltensregeln.